Verhandlungsbasis

Mit diesem ganzen Tatendrang kann ich mich selbst kaum Ernst nehmen. Alles will gleichzeitig raus, gleichzeitig erledig und bearbeitet werden. Im Kopf springe ich von einem Thema zu nächsten, beiße mich fest,  um nach vorne zu blicken, bloß nicht zurück. Ja, es läuft alles besser und mein Enthusiasmus hat mich vereinnahmt. Vor Allem bei der Planung meiner Geburtstagsfeier, da stecke ich viel Energie hinein. Plötzlich finde ich mich wieder in einer ganz anderen Welt, so bunt und frei für Möglichkeiten. Es macht mich sehr skeptisch. Immer wenn ich diesen Aufschwung erlebte, kam kurz darauf der Knall. Mal ließ er länger, mal kürzer auf sich warten, nur dass er kam, war gewiss. Wie viel Zeit habe ich noch bis ich diesmal wieder falle? Wie lange darf ich fliegen bis mein Körper mich wieder zu Boden ringt und damit alles wieder in den Abgrund stürzt? Natürlich genieße ich den Moment gerade, der so sorglos scheint nach außen, sich aber auch innerlich gut anfühlt, weil immerhin schaffe ich etwas.

Mit einem Kater wachte ich heute Früh nach einer viel zu kurzen albtraumbestückten Nacht auf. Im Traum stürzte meine Katze vom Balkon. Ich dachte sie hätte den Sturz überlebt, wie beim letzten Mal, doch als ich aus dem Fenster sah, saß schon eine Nachbarin vor ihrem reglosen Körper und versuchte sie wiederzubeleben. Die Angst wieder selbst zu fallen, hilflos zusehen zu müssen wie alles in sich zusammenstürzt, wird größer, das suggeriert mir auch dieser Traum. Noch habe ich die Kraft etwas zu bewegen, etwas zu unternehmen, möchte mich weiterentwickeln und an die Zukunft denken. Für einen kurzen Moment habe ich das Gefühl leben zu können und doch wird es nicht lange vorhalten. Zu beschwerlich ist der Weg, den ich noch vor mir habe… Die eigene Vergangenheit aufzuarbeiten zehrt an Allem. Gerade möchte ich gar nicht mehr daran denken, will nur nach nach vorne schauen, doch auch wenn die Monster einen Moment schlummern, könnten sie jeder Zeit wieder aufwachen. So wie jetzt… In mir sträubt sich alles mich mit der bevorstehenden Verhandlung zu befassen und doch ist alles so präsent. Der ursprüngliche Termin steht immer noch nicht offiziell als abgesagt oder verschoben, sodass ich im Worst Case nach meinem Urlaub dann doch dort doch im Saal sitzen werde. Ohne Vorbesprechung, weil keine Zeit mehr blieb, weil wir alle davon ausgingen eine Verschiebung wäre unproblematisch. Zu viele Interna möchte ich wieder nicht preisgeben und doch will ich weiter darüber sprechen, weil es mich enorm belastet. Ein Therapeut wäre hilfreich. Die letzten Stunden war meine psychosoziale Prozessbegleitung hier, vielleicht sogar besser als Therapie. Die Gespräche helfen sehr, nehmen mir ein wenig diese Angst vor dem Ungewissen. Ich bin wirklich froh darüber, dass es seit letztem Jahr einen Paragraphen gibt, der eine Begleitung verankert und dass es Menschen gibt, die einem wirklich tatkräftig zur Seite stehen. Nur die Suche war lang und mein Dank gilt meiner besten Freundin, die sich dafür besonders einsetzte. Alleine hätte ich das auch wieder nicht geschafft.

Ich merke, wie in meinem Kopf langsam wieder die Jalousie herunter rollt, um sich als Schleier über die Gedanken zu legen, mir den Blick darauf zu versperren. Vielleicht ist es auch besser so und ich sollte wirklich nur an den Urlaub oder an meine baldige Geburtstagsfeier denken. Meine Wunschlocation hat leider abgesagt, also bin ich noch auf der Suche nach weiteren Räumlichkeiten. Vor meinem Abflug wollte ich das eigentlich fix geregelt und verhandelt haben, da das Konzept ja feststeht. Ich war wirklich ein bisschen hyperaktiv in den letzten Tagen. Mal schauen, vielleicht muss ich dann doch aus dem Hotel heraus noch etwas regeln, was ich eigentlich vermeiden wollte. Hotel… Die Erinnerungen an meinen letzten Versuch mir eine Auszeit zu nehmen werden auch immer präsenter. Dazu die Bilder im Kopf, als ich das letzte Mal im Flieger saß und mein Freund diese Zeit nutzte mich zu betrügen mit einer anderen Frau. All das vermengt sich und lässt mich meinen Fokus verlieren, auch wenn ich dagegen ankämpfe. „Es muss doch einfach mal besser werden. Es kann doch nicht nur immer alles schief gehen. Nein, diesmal wird es nicht schief gehen!“, pocht es trotzig hinter meiner Stirn. Ich habe doch an alles gedacht, was ich brauche, selbst für Notfälle bin ich gewappnet. Warum nur steigen immer wieder die Erinnerungen wie düsterer Nebel empor und bereiten mir solche Angst? Ich will keine Angst haben!

Während der Kampf hinter den Kulissen tobt um die Vorherrschaft der Impulse, sackt der Körper immer mehr teilnahmslos in sich zusammen. Zumindest spüre ich, dass ich hungrig bin und immer noch ein wenig verkatert. Dazu diese Müdigkeit, die alles einhüllt und mich kraftlos macht, obgleich ich mich doch voller Kraft fühle. Nein, irgendetwas in mir läuft gerade schief und nach außen hin wirkt das absolute Gegenteil. Ich wirke sortierter, klarer, geordneter. Dabei bin ich wohl bloß zwanghaft damit beschäftigt mich von mir selbst abzulenken, wie immer in den Hochphasen. Mit etwas Mut werde ich mich wohl morgen auf die Warteliste einer weiter entfernten klinik setzen lassen, wie zuvor mit meinem Psychiater besprochen. Bisher hatte ich das Kontaktformular 4x aufgerufen und doch wieder geschlossen, weil sich in mir alles blockierte. Sonst kann ich so viel schreiben, so viel regeln, so viel organisieren, aber geht es um jedweden Bereich der existenziellen Selbstfürsorge, scheitere ich nach wie vor. Ich empfinde mich selbst nur noch als einzigen Widerspruch ins sich. Warum kann ich nicht in den Zug steigen, mich aber in ein Flugzeug setzen? Warum kann ich 1000 wichtige Mails schreiben, aber keinen Arzttermin organisieren? Warum kann ich nicht neben an im Lidl einkaufen gehen, aber in Begleitung nach Venlo zum shoppen fahren? Okay, nichts davon mache ich regelmäßig. Es waren alles einzelne Versuche im letzten Jahr, bzw, jetzt auch der Versuch zu verreisen, die geglückt sind. Aber beim schieren Gedanken alleine die Haustür zu durchschreiten, mich in eine Straßenbahn zu setzen oder Lebensmittel einzukaufen, rast mein Herz wie blöde und ich heule fast vor Angst. Das passt doch alles gar nicht zusammen… Mein neuer Betreuer vom ambulant betreuten Wohnen hatte mir bis jetzt immer wieder versichert, dass es gar nicht so ungewöhnlich sei. Warum fühlt es sich dann so falsch an? Für ein „Es ist so wie es ist.“ fehlt mir eindeutig die Selbstsicherheit, die eigene Akzeptanz, die Berechtigung, die ich mir selbst einräumen müsste, aber es nie konnte. zu groß die Angst vor Wertung von außen. Das macht dieser ganze Prozesskram auch mit mir: Jedes Wort, jedes Handeln, alles kann gegen mich verwendet werden und das wird es auch, denn die Verteidiger suchen genau diese Schwachstellen. Deshalb stelle ich mich wohl selbst so massiv in Frage. Ich will einfach keinen Fehler machen, damit ich irgendwann so etwas wie Gerechtigkeit erfahre oder zumindest Recht bekomme, extern. Dabei wäre in der Theorie der einfacherer Weg doch sich selbst jedes Recht einzuräumen, bloß das ist für mich ein Ding der Unmöglichkeit, bis sich endlich alles an jenem Tag X auflösen wird. Oder? Oder sehe ich das falsch und gehe es komplett falsch an? Alles steht für mich absolut nur noch in Frage, löst sich auf im Chaos. Wenigstens geht es mir besser und der Moment des Enthusiasmus stimmt mich positiv. Auch wenn er vergänglich sein wird.

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