Jagdfieber [Albtraum]

Der erste Traum im neuen Jahr war direkt eine Odyssee der Angst. Sollte diese neue Tablette nicht Albträume verhindern? Es war jetzt der dritte Albtraum in Folge, dazu leider der heftigste. Nach der gestrigen Nacht vielleicht auch kein Wunder, aber dazu später mehr.

 

Eine kleine Stadt am Meer war in Sonne getaucht. Sturzbetrunken torkelten meine beste Freundin, ihre Partnerin mein Partner und ich durch die chaotische Dünenlandschaft. Wir gelangten zu einer Baracke. Ein kleiner Stand mit im Wind wehender Wäsche, abblätternder Farbe und von der Witterung zermürbtes Gemäuer. Nani hatte Geburtstag. Da war dieser bullige Typ, von dem man schon auf 10km Entfernung vorhersehen konnte, dass es sich um einen schmierigen Betrüger handelte, der gepanschte Hehlerware verticken würde. Dennoch ließen wir uns von ihm belabern seinen kostbaren Gin zu probieren. Er sagte uns im Vorfeld mit gebrochenem Akzent – vielleicht war er Italiener? – dass dieser Gin durch seine leicht wässrige Note sehr süffig sei. Nani und ich kosteten ein Gläschen und verzogen die Gesichter. Klar hatte dieser Gin eine wässrige Note, weil der Typ das Zeug mit Wasser aufgefüllt hatte, um mehr Profit zu machen. Was ein Idiot! Ich log ihn an, sein in grüne bauchige Flaschen abgefüllter Schnaps sei köstlich und zu Nanis Geburtstag würde ich gerne eine weitere Falsche abnehmen. Er verschwand im nächsten Raum, dem Hauptraum wie es aussah, während wir im hinteren Bereich der Bruchbude erst noch stehen blieben uns kurz angrinsten und dann samt Pulle die Biege machten. Abzocker darf man abzocken! Wir hörten ihn noch in der Ferne fluchen, als wir im Gestrüpp der Dünen verschwanden, als uns ein großer Kerl mit weißem Shirt entgegen trat. Ich fragte ihn, ob er wüsste, warum das Meer heute Schwarz sei und nicht Blau, wo doch die Sonne schien. Er beantwortete die Frage nicht und grinste nur. Wir kicherten volltrunken und wussten erst gar nicht, was er von uns wollte. Doch dann packte er zu. Er griff Nani an den Hintern und hing mit seiner Nase in meinem Ausschnitt. Ich war total perplex, weil er dazu noch so säuselnd aufforderte, dass wir Fotos mit ihm machen sollten. Nani riss sich los, dachte wohl ich sei hinter ihr, aber das war ich nicht. Ich war in Schockstarre und konnte mich wieder nicht bewegen, als er mir in die Nippel kniff und seinen Schwanz rausholte. Ich ließ es über mich ergehen, hielt ihm sogar die Kamera für ein besseres Motiv… Nachdem er ein paar Fotos geschossen hatte, blitzte mir schlagartig der Fluchtimpuls durch den Schädel und tatsächlich schaffte ich es abzuhauen. Schließlich könnte er mir ja nicht mit heruntergelassener Hose so schnell folgen. Ich hatte Recht.

Völlig außer Atem erreichte ich eine hölzerne Treppe zu einem Partykeller. Nani und ihre Partnerin stritten sich heftig auf der Treppe und mein Freund war auch sauer auf mich. Warum wir denn ohne sie losgegangen wären. In typischer Manier bellte Nani los, dass sie sich nicht unterdrücken ließe und ja wohl das tun dürfe, was sie wollte. Den Kerl, der uns gerade begrabscht hatte erwähnte sie gar nicht. Sie konnte immer schon besser damit umgehen, sie war immer schon stärker als ich… Das habe ich immer bewundert. Die Welt verschwamm vor meinen Augen und alles schien so fern, so ungreifbar. Als würde ich bloß einen Film schauen von den Menschen, die ich Liebe, aber nicht mehr dabei sein.

Die Tage gingen ins Land, doch ich bemerkte immer wieder, dass etwas nicht stimmte. Ich fühlte mich beobachtet und dieses Gefühl war keine Einbildung, keine Paranoia. Der Typ hatte es auf mich abgesehen und folgte mir auf Schritt und Tritt. „Scheiße, ein Stalker!“, zischte es mir durch den Kopf. „Wie werde ich den bloß los?“. Ich hatte furchtbare Angst, die von Tag zu Tag wuchs. Auf einem der örtlichen Großmärkte rannte ich nur noch durch die Massen, um ihn irgendwie abzuhängen, aber es gelang mir nicht. Ich musste ihm eine Falle stellen! Auf all den Verfolgungsjagden war ich allein, einzig beim Fallenbau half mir Nani. Sie drehte den Spieß um, belauerte ihn und fand heraus, wo er wohnte. Dann fingen wir an ihn zu bestehlen. Wenn er keine Nahrung hat, muss er sich darum kümmern und würde keine Zeit haben mir zu folgen, also stahlen wir seine Vorräte. Für mich war das nicht leicht, weil ich musste ihn in die Irre führen und schlug Haken wie ein Hase, damit er in die falsche Richtung lief und ich mich an dem Ort verstecken könnte, an dem er mich niemals erwarten würde: Seinem Haus. Er erwischte uns nicht, wusste aber sofort, dass wir es waren. Wer sonst hätte das gewesen sein können? Das machte ihn wütend, sehr wütend… Er besorgte sich neue Lebensmittel und versteckte sie in einem Gebüsch hinter einer großen Werbetafel, aber nicht nur das: Er hatte sich auch bewaffnet! Wir plünderten natürlich sein Versteck, aber die Angst wuchs nun noch mehr. Hätte ich mich doch bloß vorher ergeben, er wollte doch nur meinen Körper, jetzt wollte er mein Leben. Nani verschwand mit den Vorräten und ich wollte ihr hinterher laufen, aber just in diesem Moment kam er aus der Richtung, in die er gelaufen war und erblickte mich. Ich rannte um mein Leben, wieder in die Menschenmengen auf dem Markt. Im Gewusel verlor er mich kurzzeitig aus den Augen. Ich stülpte mir eine n Niqab über und ging vom Sprint in einen gemächlichen, gebückten Gang über. Möglichst unauffällig sein… Auf dem Markt trafen sich alle Kulturen, da war ich nichts Besonderes mit dem schwarzen Überwurf, wohl wurde ich argwöhnisch beäugt, aber besser das, als ein Gespräch, dass mich aufhalten könnte meinen Weg fortzusetzen. Ich tat etwas, dass ich im Leben nicht von mir erwartet hätte… Ein stinkender Marktstand, der begehbar und abgeschirmt war aus Holz errichtet, hatte die krakelige Überschrift „Halal“ plakatiert. Ich roch das Blut und das Elend, das aus dem hinteren Bereich kam, ging aber schnurstracks hinein. Ein grimmig dreinblickender Araber begrüßte mich. Ich schwieg und setze mich auf eine Holzbank, die am Innenraum des Standes fixiert war. So sah man von außen nur ein schwarzes Kopftuch und nichts weiter von mir. Als ich meinen Blick zur rechten Seite schwanken ließ, zuckte ich innerlich zusammen. Gerade wurde eine Ziege geschächtet und ich sah noch wie sie zuckte und sich vor Qualen wand, als das warme Blut zu Boden tropfte. Der Standbesitzer wischte sich Schweiß von der Stirn und das Blut vom Beil. Alles in die Schürze. Eine der noch lebendigen Ziegen konnte sich befreien und sprang in meine Richtung. Im Gefühl hatte ich, dass es ein Geschwister oder ein Kind des blutenden Kadavers war… Die Kleine zitterte vor Angst und versteckte sich hinter meinem Rücken. Ich wusste nicht, was „Habt erbarmen!“ auf Arabisch hieß und wollte meine Tarnung nicht auffliegen lassen. Ich schaute den Mann nur mit weit aufgerissenen, traurigen Augen an, kniete nieder und faltete meine Hände, um ihm mit meiner Körpersprache zu signalisieren, dass er das kleine Zicklein in Ruhe lassen sollte, auch wenn es ihm Geld einbrachte ihr Fleisch zu verkaufen. Natürlich war er davon abhängig, aber Qualen verursachen, nur um selbst zu überleben? Ich fühlte mich schuldig, denn genau das tat ich doch auch gerade. Ich wusste, was er ihr antun würde und traute mich kein Wort zu sagen aus Angst um mein eigenes Leben. Wenn ich sprechen würde, würde der wild gewordene Stalker mich doch entdecken… Die Szene wurde von einer Garde Straßenpolizisten unterbrochen, die den Stand stürmten. Zu meiner Verwunderung nahmen sie nicht den Schlächter fest, sondern mich. Ich hatte kein Aufenthaltsmerkmal. Sie schleppten mich auf eine notdürftig errichtete Wache und stellten mich in eine Schlange von Flüchtlingen, die gerade im Ort angekommen waren. „Nur wegen des Niqabs so ein Palaver? Okay…“, dachte ich und stellte mich gehorsam in die Reihe. Einer nach dem Anderen wurde durch eine Schleuse geführt. Von außen konnte man nicht einsehen, was dort drin geschah, also waren alle verängstigt. Die Polizisten waren sehr ruppig und stießen jeden durch die Schleuse mit einem kräftigen Schubser. Wie Vieh auf der Schlachtbank… Glücklicherweise ging es hinter der Barriere tatsächlich nur um bürokratische Akte. Ich stellte mich weiterhin stumm, was den Beamten nicht gefiel, versuchte aber gestikulierend zu reagieren auf deren Fragen. Es funktionierte und ich bekam eine Art Kristallarmband. Natürlich waren es keine echten Kristalle, aber sie waren dennoch sehr auffällig. Mir ging dieses Abstempeln gehörig gegen den Strich. Warum macht man solch große Unterschiede zwischen Mensch und Mensch nur Aufgrund der Kleidung oder der Herkunft oder gar beidem? Ich hatte gesehen, aus welcher Schublade der Beamte die Armbänder genommen hatte und fasste den Entschluss den Menschen in der Schlange die Angst zu nehmen, indem ich ihnen einfach ihr Armband gab, ohne dass sie getriezt würden. Mit einem Ablenkungsmanöver schaffte ich es tatsächlich an die Schublade zu kommen, griff hinein und versteckte die Bänder schnell unter meinem Gewand, während der Beamte sich noch mit einer Kollegin unterhielt. Sie beratschlagten gerade, was sie mit mir machen sollten, weil sie nicht verstanden, was ich von ihnen gewollte hatte, als ich einfach nicht gegangen bin nach Abschluss der bürokratischen Prozedur. Ich trat ihnen entgegen, Gewiss der Sicherheit meine Beute bliebe unentdeckt, verneigte mich höflich und dann ließen sie mich ziehen. Ich stieg eine sandige kleine Treppe empor zurück in die Freiheit und gleichzeitig zurück in die Gefahr auf dem Markt. Die Armbänder hing ich mir alle gleichzeitig um, damit ich sie nicht festhalten musste und besser verteilen konnte. Leider doch ein bisschen zu auffällig. Warum mussten diese Dinger auch so penetrant glitzern in der Sonne? Während ich noch damit beschäftigt war alles zu sortieren, verrutschte mein Kopftuch ein Stück und man sah meinen roten Haaransatz wohl. Leider fiel mir das viel zu spät erst auf, denn der Stalker hatte mich bereits entdeckt und rannte auf mich zu. „Verfluchte Scheiße, der killt mich!“, zuckte der Impuls durch meinen Körper, der mich in Bewegung brachte. Ich riss das Tuch und die Bänder herunter, damit ich schneller laufen konnte. Ich blickte mich immer wieder um und sah sein wütendes, rot angelaufenes Gesicht mit der Mordlust in seinen Augen und der Knarre in der Hand. „Warum stoppt ihn denn niemand? Die sehen doch alle, dass er mich erledigen will!“. Wieder schaffte ich es kurz unterzutauchen. Diesmal in einem Restaurant. Ich wurde von einer Bedienung angepflaumt, dass hier geschlossene Gesellschaft wäre. Aber ich wusste wo ich war! An diesem Tag hatte die Partnerin meiner Besten ihren Geburtstag und sie hatte dieses Lokal extra reserviert. Cool, dann konnte ich ja sowohl ein wenig mitfeiern als auch mich verstecken. Ich nannte oder Bedienung den Nachnamen und versicherte ihr, dass ich geladen sei. Sie ließ mich herein.

An den vielen Tischen saßen lauter betrunkene Menschen, die ausgelassen feierten. Einige erkannte ich wieder und lächelte. Immer lächeln, vielleicht stellt sich dann irgendwann auch so etwas wie Freude ein… am Ende der verwinkelten Räumlichkeiten war eine lange Tafel, an der ich Nani fand. Sie knutschte gerade mit ihrer Exfreundin herum, als sie mich erblickte. „Heeey Juli! Schau mal wer hier ist!“. Ich schwieg. Wahrscheinlich realisierte sie gar nicht, dass es mir nicht im Ansatz um die Party hier ging, vielleicht war genau das auch das Problem. Ich gehörte hier nicht her, fühlte mich ausgeschlossen und wie in einer fremden Welt. Alles waren so fröhlich, so ausgelassen, während ich abgehetzt von einer tagelangen, monatelangen, jahrelangen Jagd kam, in der ich die Beute war. Während sie mir und ihrer Ex zuprostete, echauffierte sie sich darüber, dass ihre Freundin ja so eifersüchtig sei. „Das bin ich auch.“, gab ich kurz angebunden von mir, stand wieder auf und ging. Ich wusste, dass das ein Fehler war, weil so hatte ich mich selbst ins Aus manövriert und die nahezu letzte Möglichkeit verspielt mal zur Ruhe zu kommen. Sie schaute nur verdutzt und wedelte abwehrend mit der Hand, wandte sich wieder ihrer Ex zu. Ja, ich konnte ihre Partnerin gerade gut verstehen… Irgendwie unfair an ihrem Geburtstag so eine Nummer zu reißen. Scheiß Alkohol… Ich hätte meine Freundin gebraucht… Oder auch nur irgendwen, aber ich war und blieb alleine. Niemand nahm Notiz von mir in dem, was ich fühlte. Alles sahen nur: „Oh, da ist Yuri! Proooost!“ und wandten sich wieder ab ihren jeweiligen Gesprächspartnern zu. Resignation erfasste mich und ich verließ das Gebäude. Vor der Tür fand ich meinen Freund, der gerade einem Typen die Zunge in den Hals schob. Ich fühle rein gar nichts. „Hallo Kai…“, sagte ich und gab ihm eine motivationslose Backpfeife, die sicherlich nicht einmal weh tat. Fast eher wie eine Andeutung. „Das macht man doch so, oder?“, fragte ich in die Runde. Sie lachte, aber ich fand es überhaupt nicht lustig. Ein Mädel kam an und wollte meinen Freund gerade mit sich nehmen, der wie üblich im Suff voll darauf abging und man seine Gedanken quasi hören konnte, wie er sie schon im Vorfeld vögelte… Ich blaffte die Perle an, die auch gesehen hatte, dass ich ihm eine verpasst hatte: „Es reicht! Sonst raste ich gleich wirklich aus!“ Alle wichen einen Schritt zurück… Super, natürlich war ich jetzt wieder die Böse, nicht mein Freund, der seine Griffel nicht bei sich behalten konnte, nicht die Trulla, der es egal war, ob sie meine Gefühle verletzen würde. Ich konnte es nicht weiter mit ansehen und ging.

Mein Stalker war mir wieder auf den Fersen. Diesmal trug er einen weißen Anzug. Jetzt wurde mir auch klar, warum niemand ihn stoppte: Ihm gehörten diese ganzen Gebäude! Ein verfluchter Mafiaboss, der überall seine Spione und Mitwisser hatte, die er bezahlte, damit er seinen Trieben nachgehen konnte. Jürgen hieß er. Ich hatte ihn tatsächlich zuvor schon einmal gesehen, als er unsere Truppe mal in sein Restaurant in der Mitte des Marktes eingeladen hatte. Warum wurde mir das erst jetzt klar? Ich konnte nirgendwo mehr hin, es gab einfach kein Entkommen. Wie sollte ich mich verstecken? Wer könnte mich noch beschützen? Wo war ich noch sicher? Ich stieg dicht von ihm gefolgt auf das Dach des Restaurants und stürzte mich hinunter… Ein „Happy Birthday“-Banner war meinem Sprung im Weg, wickelte sich im freien Fall noch um mich, bis ich auf dem sandigen Boden aufschlug. Ich hatte Schmerzen, ich wollte nur noch sterben, aber selbst das war mir nun nicht gelungen… Aus dem Hintergrund hörte ich nur eine genervte Frauenstimme, wie sie zu Schaulustigen sagte: „Ach, das hab ich auch öfters probiert. Is nix Schlimmes. Das überlebt man eh .“ Ich sah das Blut aus mir herausrinnen, war aber immer noch bei Bewusstsein, konnte sehen… Ich sah meinen Freund auf einer Bank sitzen zwischen den Weibern und Kerlen, die er sich wie ein Pascha der Reihe nach vornehmen wollte und alle natürlich willig waren… Er lachte noch gerade, als ich mit gebrochener Stimme seinen Namen rief. Ich versuchte die Hand nach ihm auszustrecken, als letztendlich doch alles vor meinen Augen verschwamm und die Welt endlich verschwand.

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