Nicht genug gewehrt… Freispruch. [Trigger!]

Heute flattern mir die News über den Bildschirm, dass endlich dieser verfluchte Paragraph geändert wird, der mir einst zum Verhängnis wurde. Leider triggern mich die Nachrichten immer wieder, vor Allem wenn Menschen darunter posten, dass sie den Opfern Unglaubwürdigkeit oder böse Absichten unterstellen. Vorwürfe, durch die ich mich lange selbst gequält habe. Ich merke, dass ich Herzrasen bekomme und die Bildern von den Taten, aber auch vom Prozess und den Reaktionen meines Umfelds blitzen mir durch den Kopf. Es fühlt sich an, als würde es erneut geschehen, ich erstarre fast, bekomme keine Luft, habe Panik und will mich verstecken… Aber heute möchte ich mich dieser Angst nicht weiter ergeben, dem Täter nicht weiter Macht über mich geben. Heute will ich reden darüber, was mir damals nicht geglaubt wurde. Zum ersten Mal, seit ich vor 10 Jahren das Urteil „Freispruch“ zu hören bekam und eine Welt für mich zusammenbrach.

Ich war erst 14 und hatte immer schon einen Hang zu komplizierten sozialen Beziehungen, hatte mich bereits sehr dramatisch in Lehrer oder Mitschülerinnen verliebt, hatte aber auch schon meinen ersten Freund gehabt und war nicht mehr so wirklich Jungfrau. Vielmehr war ich neugierig und vor Allem naiv, viele hielten mich damals schon für irre, retrospektiv kann ich das auch durchaus bestätigen nur wusste ich damals auch nicht die Gründe dafür, warum ich so von der Norm abwich. Eine neue Mitschülerin (nachfolgen A. genannt) kam in unsere Klasse und ich freundete mich mit ihr an. Die damalige Dame meines Herzens (nachfolgend D. genannt) ebenfalls, vielleicht bin ich nur auch deshalb in alles hineingeraten, weil ich in ihrer Nähe sein wollte Die Zeit mit den beiden war naja, nur oberflächlich freundschaftlich, ich kann heutzutage nicht Gutes mehr daran finden, war allerdings auch um jeden Sozialkontakt damals unendlich dankbar, weil ich sehr weit abseits von meinen Mitschülern stand, in meiner eigenen Welt lebte und viel Mobbing erfahren habe. Tatsächlich hinterher auch noch mehr aus dieser pseudo-freundschaftlichen Beziehung heraus… Dennoch: Wir trafen uns oft, waren zum ersten Mal gemeinsam trinken etc. Bis ich eines Tages auf den Vater von A. (nachfolgend U.) aufmerksam geworden bin. Sie zeigte mir ein Foto von ihm und ich fand ihn gleich toll, verliebte mich sogar. Wie so oft eben in dieser Zeit. Nie hätte ich mir erträumen lassen, dass so ein alter Mann auf die Schwärmereien eines Teenies eingehen würde, doch dem war nicht so. Ich erinnere mich an den ersten Abend, als A., D., U. und ich gemeinsam DSDS geschaut haben. Meine beiden Freundinnen schliefen an dem Abend auf dem Sofa und ich durfte mit ihm im Ehebett liegen. Wir fassten uns ein wenig an, er trug sehr enge schwarze Shorts, trug er oft. An diesem Abend hatten wir allerdings noch keinen Sex. Ich war insgesamt erstmal total perplex, dass er das überhaupt zugelassen hatte. Danach überschlugen sich dann die Ereignisse. Am Valentinstag 2002 hatten wir uns alleine zu einem Date in seiner Wohnung verabredet. Es war schwieriger auszubüchsen von zu Hause als erwartet, weil noch am selben Tag hatte ich in einer Freistunde bei Karstadt geklaut und wurde erwischt… mit CDs für A. und DVDs. Ich hatte keinen DVD-Player, es sollten Geschenke werden. Damals hatte ich schon oft für andere geklaut, um „beliebter“ zu werden. Ich wusste, dass er Hentais mag, mochte ich doch selbst gern Mangas, aber aus dem Geschenk wurde nichts. Als der Ladendetektiv mich stellte habe ich bitterlich geweint und es wirklich bereut, danach auch nie wieder etwas geklaut. Meine Mum holte mich ab, die nächste Unterrichtsstunde hatte ich verpasst, und sie verkündete im Schulgebäude lautstark, dass ich nicht am Unterricht teilnehmen konnte, weil ich mit Stehlen beschäftigt war. Ich habe mich furchtbar geschämt und bin schließlich doch trotz Hausarrest, wie verabredet dann zum späteren Date abgehauen und wollte mich trösten lassen. Irgendjemand, der mich mag, der mich versteht und den ich gern habe um mich haben und das hatte ich ihn zu diesem Zeitpunkt auch. Er schaltete ein paar ziemlich skurrile Hentais an, die sehr hart waren und von Folter und Bestrafung handelten. Ich dachte mir aber erst nichts dabei, war neugierig und natürlich nutzte er die Gelegenheit mich rumzukriegen. War auch nicht sonderlich schweierig, aber ich war eben auch unerfahren und er wollte mir alles beibringen, wie er öfters betonte. Gespürt habe ich vom ersten Sex nicht sonderlich viel, ich fand es eher befremdlich. Zuvor bei meinem ersten Mal mit meinem Exfreund habe ich mich nach dem Sex übergeben. Irgendwie war das nichts für mich so insgesamt. Den Gefallen daran habe ich wohl erst später gefunden und zwar in reinster Eskalation und Promiskuität. Mehr Reinszenierung als wirklich Gefallen, ohne viel Gefühl.

Wir trafen uns nach unserem ersten Mal häufiger, aber mussten immer darauf achten, dass seine Frau, meine Eltern oder A. und D. nichts davon mitbekommen. Die Orte waren vielfältig, aber der Ablauf immer gleich. Er rief mich mit unterdrückter Nummer an einen bestimmten Ort, wo er mich abholte und dann fuhren wir auf abgelegene Parkplätze, in seine Garage oder sonstige Orte, wo kein Mensch etwas mitbekommen konnte. Am Anfang fand ich das alles noch sehr aufregend, aber mit der Zeit merkte ich, dass ich nur benutzt wurde, dass ich einfach nur ein Stück Fleisch war. Ich wollte mich lösen, aber er war gerissen… Er ließ mit jedem Mal subtil ein paar Worte fallen, die sich mir einbrannten. Kommentare, dass ich zu fett sei waren harmlos, aber haben mein Körperbild verschlechtert. U. erzählte mir von seinen Fantasien, die sich wie in den Hentais auch auf Foltermethoden bezogen. Erst harmlos und später immer krasser… Nach ca. einem Jahr oder doch eher, konnte ich damit nicht mehr hinter dem Berg bleiben und habe mich A. und D. anvertraut. Irgendwie wollte ich das beenden, aber wenn ich nicht ans Telefon ging, rief er so lange an, bis ich doch abnahm und er redete mir immer wieder ins Gewissen. Es müsse heimlich bleiben, es dürfe nicht rauskommen. Als ich meine Freundinnen um Hilfe bat, glaubten sie mir kein Wort und brachen kurz darauf auch den Kontakt komplett ab. Ab dem Zeitpunkt kippte alles. D. und A. sprachen mit ihm darüber und er verleugnete natürlich, ich versuchte mich meinen Eltern anzuvertrauen, sie sprachen mit ihm und er verleugnete wieder. Meine Erlebnisse, ganz grob, sprachen sich herum überall und von Allen Seiten kam, ich solle keine Lügen erzählen. Darauf hat er dann anschließen gebaut. Als er meine Mutter überzeugt hatte, dass ich lügen würde, hatte er mich voll in der Hand, denn nun gab es niemanden mehr, den ich um Hilfe bitten konnte und er setzte noch einen drauf: Er rief mich wieder auf Kommando ab, zuvor hatte er mir schon erzählt, er sei Polizist (dabei war er nur Verkehrsüberwacher…) und er setzte mich unter Druck. Ich hatte erst Angst, er würde mich auch juristisch bestrafen dafür, dass ich die Wahrheit gesagt hatte, ihn verraten habe… Überhaupt, den Verrat sollte ich wieder gut machen. Er wäre mir wieder gut gesonnen, wenn ich allen erzählen würde, dass ich tatsächlich gelogen habe. Erst konnte ich mich nicht überwinden, bei einem weiteren Treffen wurden die Drohungen schärfer und ich hatte eh ein Gespräch mit meiner Mum bei meinem Klassenlehrer. Ich weiß noch zu genau, wie diese Situation ablief. Mein Klassenlehrer Herr B. saß am Pult und schaute mich vorwurfsvoll an, meine Mum saß neben mir. Sie stellten mich zur Rede und ich senkte den Kopf, schloss die Augen, damit ich die Lüge über die Lippen bekommen konnte und sagte: „Ihr habt Recht, ich habe gelogen. Es tut mir Leid!“ Damit hatten alle die Bestätigung: Ich war unglaubwürdig. Das gab ihm einen Freifahrtsschein. Meine Mum trieb es sogar so weit, dass ich mich bei U. offiziell für die Vorwürfe entschuldigen sollte. An einem Tag fuhr sie mit mir hin. Im Parkhaus eskalierte die Situation. Ich wollte das nicht und sie holte zum zweiten Mal überhaupt aus (sie war nie gewälttätig, sie war nur sehr verzweifelt…), traf mich aber nicht und kugelte sich dabei den Arm aus. Die offizielle Entschuldigung geschah dann anschließend im Krankenhaus. Ich werde diesen Blick nie vergessen, so voller Genugtuung und Narzissmus, aber auch voller Lust an seiner Macht, die er nun vollends über mich hatte.

Ich wollte mich nicht mehr mit ihm treffen, aber die Angst wurde immer größer. Er erzählte mir, er hätte einen abgelegenen Folterkeller, listete einen Folter-Katalog mündlich auf und nannte es die „Manga Strafen“. Für meine bösen Taten müsse ich bestraft werden und wenn ich noch einmal ein Wort sagen würde… „Du weißt, dass ich auch Cheuffe bei Gericht bin. Ich habe viele Leute davor bewahrt in den Knast zu kommen. Hatte dein kleiner Bruder schonmal Arme und Beine gebrochen?“ In der Zwischenzeit hatter er meiner Freundin D. auch gegen mich aufgebracht, ich fühlte mich in der Schule erwischt, ertappt und beobachtet, hatte immer zu Angst und weinte so gut wie jede Nacht bis der Nächste Anruf kam und das nächste Prozedere begann. Immer und immer wieder und vor Allem immer schmerzhafter. Zwischenzeitlich war ich wieder mit meinem Ex zusammen, der die blauen Flecken gesehen hat, die sonst keiner sehen konnte. Er bekam leider meine ganze Wut ab und wir trennten uns. Also war ich komplett auf mich alleine gestellt, gefangen in einer Welt aus Lügen und Gewalt, aus der ich nicht mehr heraus kam. Das einzige was mir blieb war das Schreiben. Ich dokumentierte alles und versah alles mit Passwörtern. Dummerweise hatte D. mir die Passwörter immer wieder aus der Nase gezogen und nicht nachgegeben, bis ich sie sagte, so änderte ich Einträge in meinem Tagebuch, damit sie „schöner“ klangen, falls sie jemand Fremdes lesen sollte, was bald darauf auch geschah…

2004 im Sommer hatte ich einen neuen Freund, der mir ein neues Handy besorgte. Die Anrufe hörten damit endlich auf und ich hatte zum ersten Mal nach 2 Jahren wieder ein bisschen Ruhe, konnte glücklich sein und war beruhigt. Doch der neue Freund war jetzt auch nicht das gelbe vom Ei. Wahnsinnig Eifersüchtig, wollte mich bei sich metaphorisch einsperren, damit niemand sich an mich ranmachen könne. Das wurde mir auch irgendwann zu viel. Zu Hause gab es auch nur noch Gewaltausbrüche (berichte ich an anderer Stelle) und da ich eh schon ständig von zu Hause abgehauen war und ein paar neue Freunde am Druckluft, sowie eine neue beste Freundin (Nana) gefunden hatte, haute ich einfach ab und kehrte nie mehr nach Hause zurück, versteckte mich vor dem Freund, vor U. vor meinen Eltern, vor Allen und lebte eine Weile auf der Straße, in Fabrikhallen etc. bis Nana mich zu sich holte. Die ganze Flucht hatte die Konsequenz, dass natürlich mein neues Handy irgendwann gesperrt war und ich meine alte Nummer aktivieren musste. Einen Tag später rief U. wieder an, als hätte er es geahnt oder mich die ganze Zeit beobachtet… Ich versuchte ihn abzuwimmeln, immer wieder bis ihm mein Ungehorsam nicht reichte und er mich einfach von der Schule abfing. Er stand da plötzlich vor mir mit seinem Wagen und es regte sich bei mir wieder die Panik. Jetzt weiß er nicht nur, wo ich bin, jetzt verfolgt er mich nicht nur mit dem Telefon, jetzt zwingt er mich mitzufahren. Ich blickte nur stumm aus dem Fenster, war wegdissoziiert, wie ich heute weiß. Ich ließ es wie so viele Male über mich ergehen, denn ich hatte keine Chance zu entfliehen, spielte seine Spielchen mit, spürte nichts mehr von mir oder meinem Körper. Dann schmiss er mich irgendwo in einer dunklen Gasse wieder raus und ich machte mich auf den Weg zu Nana nach Hause… Ich wollte mich nur noch waschen, keine Ahnung, wie ich aussah… ich fühlte mich unendlich dreckig. Sie wusste sofort Bescheid und ihre Eltern riefen die Polizei, die dann meine Kleidung in die Spurensicherung brachten und mich in eine Frauenklinik zur Untersuchung. Ab da hatte ich dann wirklich endlich Ruhe vor ihm bis zur Verhandlung.

Würden Hunde sprechen können… Der einzige Zeuge war sein Dalmatiner, benannt nach seiner Tochter, der immer mal wieder auf der Rückbank war, mithören und mitsehen konnte, aber eben nicht sprechen. Die Hundehaare an meiner Kleidung galten sicherlich auch als Beweismittel, tatsächlich gestand er irgendwanna auch den Sex mit mir, mit einer 14-16-Jährigen. Soweit ich mich erinnere war er 39 als alles Begann. Der Prozess kam nur sehr schwerfällig ins Rollen und ich habe kaum noch Erinnerungen daran, weil es so sehr an mir nagte, wie sie mich auseinander genommen hatten. Immer wieder die Unglaubwürdigkeit, immer wieder D. als Zeugin, die mir vor Gericht vorwarf, ich sei schon immer irre gewesen, weil ich mich mal in meinen Französischlehrer verliebt hatte und seltsame Fanfictions geschrieben hatte. Es waren über einen Zeitraum von wieder 2 Jahren alles öffentliche Verhandlungen, aber es bestand kein öffentliches Interesse. Erpressung und Vergewaltigung von Minderjährigen? Die lügt doch! Einzig meine Mum glaubte mir irgendwann dann doch, nachdem ich die Anzeige wirklich durchzog. Es tat ihr unendlich Leid, bis heute noch… Wirklichen Rückhalt hatte ich nur von Nana und ihrer Familie, meine Mum bemühte sich auch und meine Anwältin gab denke ich auch ihr Bestes, aber es nützte alles nichts. Die Gegenseite versuchte Zeit zu schinden und das delang. Meine Richterin hätte ihn verurteilt, aber der neue Richter muss ihn persönlich gekannt haben, war U. doch Cheuffe im selben Gerichtsgebäude. Ein Glaubwürdigkeitsgutachten und ein psychologisches Gutachten musste ich mitmachen. Immer wieder musste ich im Detail erzählen, was passiert war. Mehr und detaillierter, als ich hier geschrieben habe. Mein Tagebuch und meine Aufzeichnungen von Orten und Zeitpunkten lagen den Behörden vor, warum musste ich immer wieder alles erzählen? Irgendwann wusste ich warum: Sie hatten mir versucht einen Satz aus der Nase zu ziehen, der rechtswirksam gemacht werden konnte: „Vielleicht habe ich mich nicht genug gewehrt.“

Der Richter drückte mir noch einige sehr fiese Sprüche zum Ende hin, als würde ich jeden Mann als Täter deklarieren. Der Angeklagte hatte das letzte Wort: „Beim nächsten Mal beißt du mir rein, damit ich weiß, dass du das nicht willst.“

Beim nächsten Mal? Ich hatte auch Jahre danach noch Angst, dass er mir wieder auflauert, jetzt wo er freigesprochen war. Zum Glück hat er das nicht getan und ich konnte mich lange im Verdrängen und Vergessen üben, was mir allerdings nie wirklich gelungen ist, ich habe nur aufgehört darüber zu sprechen. Zu Zeiten als ich noch darüber sprach bzw. versuchte es zu erzählen hörte ich nur, ich sei ja selbst schuld. „Was ziehst du auch so kurze Röcke an?“, „Warum gehst du auch mit so einem Mann mit?“, „Das glaubt dir doch kein Mensch!“

Ich hoffe heute wird es anders sein, heute wird mir jemand glauben, heute bin ich nicht mehr allein und brauche keine Angst mehr haben. Und ich hoffe durch die Gesetzesänderung, die jetzt bald in Kraft tritt, wird sich in den Köpfen der Wegseher, Verleugner und Verharmloser, der Schuldzuweiser und jedem einzelnen Menschen etwas bewegen und damit künftigen Opfern mehr Schutz gewährt oder gar Täter abgeschreckt werden. Wobei letzteres bezweifel ich. Die Dunkelziffer von sexuellen Übergriffen ist so immens hoch, das wird dauern, denn kaum einer traut sich etwas zu sagen. In den ganzen Jahren habe ich so viele Betroffene kennengelernt, in Kliniken, Bekanntenkreisen, sogar in der eigenen Familie und so gut wie niemand hat bisher Anzeige erstattet… Hätte ich damals gewusst, was auf mich zukommt, wäre ich mir über die Rechtslage im Klaren gewesen, ich hätte die Anzeige auch fallen lassen, um mich dem Ganzen nicht weiter auszusetzen, aber dennoch ist es andererseits wirklich gut und richtig, etwas in der Hand zu haben. Ich habe es ausgesprochen und er ist aktenkundig. Auch wenn es nicht zum Urteil kam reicht mir das. Ich will lange schon keine Rache mehr, ich will nur noch, dass sich wirklich etwas bewegt, dass die Menschen die Augen nicht mehr verschließen und dass niemand mehr unter den Taten, aber auch den Reaktionen der Gesellschaft leiden muss, so wie ich.

Noch zeigen mir die Kommentare und Reaktionen auf die Gesetzesänderung das selbe Bild, dass ich seit Jahrzehnten nicht anders kenne, aber ich bin dennoch optimistisch. Die Hoffnung konnte ich mir nie bis auf´s Letzte nehmen lassen.

Advertisements

18 Kommentare Gib deinen ab

  1. N. L. V. sagt:

    So viele Erinnerungen schossen in mir hoch, als ich deinen Text gelesen habe. Aber das stört mich nicht. Ich habe mit den Flashbacks leben gelernt. Im Gegensatz zu dir hätte ich nie den Mut, etwas zu sagen. Auch jetzt wissen Menschen aus meinem Umfeld nur, dass ich ein Teil der Dunkelziffer bin. Aber ich habe nicht die Kraft dazu auszugraben, was passiert ist.
    Vielleicht habe auch ich mich nicht genug gewehrt… Und im selben Atemzug frage ich mich dann: Gibt es überhaupt ein „genug“? Ist nicht jedes „nein“, „hör auf“, „ich will das nicht“ schon eine Gegenwehr? In meinen Augen und in den Augen meiner Herzensmenschen ist jedes weitermachen in dem Fall schon eine Grenzüberschreitung. Selbst der Versuch ist schon zu viel. Und trotzdem passiert es und ich frage mich: Was geht in den Köpfen der Täter vor sich? Halten die ihre Handlungen wirklich für „in Ordnung“?
    Fragen auf die ich, du, wir alle nie eine Antwort bekommen werden.

    Leider

    (In Gedanken bei dir)

    n

    Gefällt mir

    1. Wir sind viele Dunkelziffern… Vor Allem jetzt in den letzten Tagen nach meinem Erfahrungsbericht habe ich wahnsinnig viele Nachrichten bekommen von Betroffenen/Überlebenden. Es ist auch wirklich nicht leicht gewesen die alten Erinnerungen zu zulassen und auszusprechen, aber jetzt im Nachhinein seh ich es als Befreiung. Die Monster im Kopf klein werden lassen, indem man sie ausspricht.

      Es gibt so viele Situationen, die eine Gegenwehr nicht möglich machen. Da habe ich meine Wahrnehmung auch oft in Frage gestellt. Aber im Endeffekt weiß ich, dass ich nicht anders reagieren konnte, sonst hätte ich es womöglich auch getan und selbst dann wäre immer noch die Frage offen geblieben, welchen Strick mir die Verteidigung daraus gedreht hätte.

      Die Frage nach den Motiven der Täter habe ich mir auch immer wieder gestellt und kann sie bis heute nicht gänzlich beantworten. Macht, Sadismus, Kompensation des eigenen Selbstwertgefühls, Narzissmus? Ich weiß es nicht und kann mich da auch nicht hinein fühlen, so sehr ich es auch versuche.

      Gefällt mir

  2. o815o sagt:

    Ich habe deine Geschichte mit Betroffenheit gelesen (und etwas getriggert, aber das wusste ich vorher) und ich glaube dir, vielleicht weil ich auch weiß, das es diese Männer gibt – ich habe bisher nur wenigen Menschen davon von Angesicht zu Angesicht erzählt – „unglaublich und obskur oder Sätze wie -das klingt ja wie in einem Film oder noch krasser..“ waren dann die üblichen Reaktionen und danach folgte der Rückzug. Ich habe damals alles verloren ( ich war 22 und es war auch in OB ) meinen Freundeskreis, meinen Beruf – und all das was man nach so einer Geschichte (und bei mir waren es nur 5 Tage, aber eben auch ein Sadist) eben verliert – also fast alles was einen zu der Zeit ausgemacht hat. Und dann habe ich 15 Jahre geschwiegen – noch nicht mal meinem Freund mit dem ich 6 Jahre zusammen war habe mehr als das nötigste erzählt. Da schweigt man also 15 Jahre und dann will man reden – und kaum jemand will es hören. Deswegen sind solche Blogs wie unsere so verdammt wichtig, wir sind nicht allein. Fühl dich lieb gegrüßt. Karin

    Gefällt mir

    1. Man bekommt wirklich die schrägsten Reaktionen und verliert den Glauben an die Menschheit und das Vertrauen in die Gesellschaft. Jetzt nach den 10 Jahren Verschwiegenheit habe ich etwas mehr Glück gehabt. Meine Freunde stehen hinter mir und es gibt in den ersten Tagen nach meinem Bericht nur wenige negative Reaktionen. Das macht mir auf jeden Fall Mut und jeder Kommentar hier, sowie auch persönlich, lässt mein Vertrauen wieder wachsen. Heute weiß ich, dass wir viele sind, dass wir nicht allein sind und dass wir uns gegenseitig stützen und schützen können, ein offenes Ohr füreinander haben. Früher war ich einfach nur allein damit und wie auch geschrieben bekam statt einer helfenden Hand nur noch einen Schlag ins Gesicht.

      Ich denke schon, dass es Menschen gibt, die es hören wollen. Viele sind nur so sehr mit sich selbst beschäftigt, dass sie keine Augen für ihr Umfeld haben. In meinem Blog habe ich mir zur Aufgabe gemacht in erster Linie für mich selbst zu schreiben. Wenn es jemand liest oder gar mit mir darüber spricht, dann ist das immer mehr als erwartet und ich freue mich über die Reaktion. Unsere Gesellschaft ist so übersättigt, da ist es überhaupt ein Wunder, wenn sich jemand noch mit einem Einzelnen beschäftigt, sich mal 5 Minuten Zeit nimmt und einfach nur zuhört… Da gebe ich dir vollkommen Recht: Genau deshalb sind unsere Blogs so wichtig.

      Lieben Gruß zurück,
      Yuri

      Gefällt 1 Person

      1. o815o sagt:

        Ja ich habe erst am Wochenende feststellen müssen wie komplex „unsere“ Geschichten sind und wie schwierig es ist zu vermitteln,warum man in gewissem Rahmen „kooperiert“ hat – das ist für viele nicht nachvollziehbar sofern sie die Psychologischen Mechanismen eben nicht kennen. Für mich war mein Blog ein erster Schritt das Schweigegebot zu brechen – das hat mich soviel Kraft gekostet, das ich meine Firma aufgeben musste . Aber es war es wert dem die Stirn zu bieten.

        Gefällt 1 Person

      2. Schwierig ist es auch schon an dem Punkt, an dem man eben selbst auch nicht weiß, wieso man so reagiert hat. Ich finde Psychoedukation an der Stelle absolut wichtig. Das führt nämlich auch genau an der Stelle oft dazu, dass man sich selbst die Schuld gibt. Bei Außenstehenden hilft nur ohne Ende Aufklärung, sofern sie denn offen dafür sind. Viele sperren sich auch einfach… „Wenn ich´s nicht sehe, existiert es nicht und ich muss mich damit nicht beschäftigen.“, an sich auch eine ganz normale Abwehrhaltung, die aber in unseren Fällen fatale Folgen haben kann.

        Mein Betrieb ist derzeit auch eingewschränkt und ich habe lange überlegt mein Gewerbe kurzfristig abzumelden, aber den Schritt will ich nicht gehen. Meine Kunden und Geschäftspartner haben allesamt sehr viel Verständnis gezeigt. Und wenn es noch ein halbes Jahr dauert bis der letzte Prozess geführt ist (es gibt noch einen derartigen aus früher Kindheit, Verjährungsfrist ist eingefroren bis auf Weiteres mit der ANzeige), dann wird auch alles wieder laufen denke ich. Die Schäden werden immer bleiben, aber mit Therapie und Rückhalt glaube ich, dass man dennoch wieder gut leben kann und den Monstern einfach keinen Platz mehr im Leben einräumen muss.

        Gefällt 1 Person

      3. o815o sagt:

        Ich suche seit 2 Jahren – wo die Dekompensation einsetzte-nach einem Therapeuten, der mich ambulant behandelt, leider finde ich niemanden, aber ich habe Kinder davon eines schwerbehindert – also krebse ich am Limit vor mich hin 😦 Alles ziemlich kagge. Ich drücke dir für den Prozess alle Daumen und wünsche dir viel Kraft. Wenn auch nicht alles gut wird, kann es doch besser werden 😉

        Gefällt mir

  3. Cris sagt:

    Wow. Du bist eine unglaublich starke Person!! Ich bewundere, wie du nach all diesen schlimmen Dingen dich heute hier hinsetzen kannst und sagen kannst „ich will nur noch, dass sich wirklich etwas bewegt“. Trotz allem schaffst du es, an das Wohl anderer Menschen zu denken. Bewundernswert.
    Ich wünsche dir alles gute. Ich hoffe auch, dass du gute Hilfe bekommst um am Ende doch noch das beste aus deinem Leben machen zu können. Du hast es absolut verdient gut behabdellt zu werden!

    Gefällt mir

    1. Ganz lieben Dank für die warmen Worte. 🙂 Das gibt mir wirklich Kraft!

      Hilfe im Freundes- und Bekanntenkreis habe ich zum Glück heute. Die weitere psychiatrische Versorgung lässt leider etwas zu lange auf sich warten, aber ich bin optimistisch, dass ich bald einen neuen Klinikplatz und eine neue ambulante Traumatherapie bekommen kann. Die Folgeschäden sind ja insgesamt doch erheblich und schränken mich stark ein.

      Gefällt mir

  4. naundob sagt:

    Sorry, aber eben diese „Schutzlücke“ im Sexualstrafrecht ist ein Mythos.
    Thomas Fischer, BGH-Richter in Karlsruhe, hat das längst abgeräumt.

    Auszug:

    „Das („Ausnutzen einer schutzlosen Lage“) ist der Kern der Empörung der Verschärfungsbefürworter. Angeblich hat nämlich die Rechtsprechung entschieden, dass Paragraf 177 Abs. 1 Nr. 3 nur dann erfüllt ist, wenn „das Opfer sich wehrt“.

    Das ist genau das Gegenteil dessen, was der BGH seit zehn Jahren in ständiger Rechtsprechung sagt. Danach ist der Tatbestand nämlich gerade dann erfüllt, wenn das Opfer „aus Angst … keinen Widerstand leistet“. Viele Hundert Fälle sind höchstrichterlich so entschieden worden; es gibt an dieser Rechtslage keinen Zweifel. In der stoisch wiederholten Kampagnen-Meinung wird – unbeeindruckt – trotzdem weiterhin das Gegenteil behauptet.“

    Komplett hier:
    http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2016-05/sexualstrafrecht-noetigung-vergewaltigung-fischer-im-recht/komplettansicht

    Gefällt mir

    1. Ich weiß nicht wie du dazu kommst meine Erlebnisse als Mythos oder stoische Kampagnen-Meinung abzufrühstücken, wirklich nicht, weil mein Fall ist ein eben solcher, welcher Aufgrund von „nicht genug gewehrt“ in einem Freispruch gemündet ist, wie es auch allein schon die Überschrift sagt. Wie du dem Text vielleicht entnehmen kannst auch richterlich entschieden nach 2 Jahren Verhandlung (2004-2006).

      Da kann mir jeder irgendwelche Artikel zeigen, ich hab es einfach selbst erlebt und gefühlt und habe es Schwarz auf Weiß in ´nem staubigen Ordner, den ich jetzt garantiert nicht raus hole, weil es schon wieder irgendwer nicht glaubt. Ganz schön dreist!

      Gefällt mir

      1. naundob sagt:

        „Ich weiß nicht wie du dazu kommst meine Erlebnisse als Mythos oder stoische Kampagnen-Meinung abzufrühstücken.“

        Hab ich nicht.

        Das Problem ist, das Fälle wie Deiner (zusammengefasst in der Überschrift „Nicht genug gewehrt… Freispruch.“) zur Regel erklärt werden (ohne dass das empirisch belegt wird), dabei sind sie die Ausnahme und die Standardrechtspraxis ist eine andere (wie von Fischer geschildert).

        Interessanter ist aber ein anderer Aspekt, nämlich, was sollte aus Deiner persönlichen Geschichte an praktischen Lehren für das Strafrecht gezogen werden? Etwas eine Änderung in der folgenden Form: „Wenn eine Person angibt, Opfer eine Vergewaltigung zu sein, so ist der Beschuldigte in jedem Fall für eben diese Tat zu verurteilen, selbst wenn vom Gericht nicht zweifelsfrei geklärt werden kann, ob die sexuellen Handlungen tatsächlich gegen den Willen dieser Person erfolgten.“

        Ist es das worauf es hinauslaufen soll?
        Wenn ja, würde es in der Tat eines der fundamentalsten Prinzipien der Rechtsprechung aus dem Weg räumen.

        Wikipedia:
        „Nach dem Grundsatz In dubio pro reo (lat. „Im Zweifel für den Angeklagten“), darf im Strafprozess ein Angeklagter nicht verurteilt werden, wenn dem Gericht Zweifel an seiner Schuld verbleiben.“

        Es reicht eben nicht aus, dass das Opfer weiß, dass eine Tat stattgefunden hat. Auch das Gericht muss zweifelsfrei davon überzeugt sein. Wie kann es aber keine Zweifel haben, wenn es – wie so oft bei Vergewaltigungsfällen – weder Zeugen, Spuren oder andere Indizien gibt, die eben diese Zweifel ausräumen?

        Gefällt mir

      2. Du willst jetzt nicht ernsthaft mit mir über das Strafrecht diskutieren, obwohl du selbst einräumst, dass mein „Einzelfall“ (so wie du mit mir schreibst, kennst du wahrscheinlich keine Opfer, ich dafür hunderte und zwar persönlich durch die ganzen Traumatherapien) ein juristischer Missstand war?

        Ich schildere hier, was vorgefallen ist und was das Resultat in meinem Fall war und ich möchte andere Opfer ermutigen ihr Schweigen zu brechen, weil wir verdammt viele sind und kaum einer sich traut etwas zu sagen. Und wirklich mit keinem Satz plädiere ich dafür, dass In dubio pro reo aufgehoben wird. Nur hier Bestand kein Zweifel, die Beweislage war eindeutig (siehe gyn. Untersuchung bei der letzten Tat) nur die Rechtslage nicht, weil nicht aufgeführt ist, in wie weit man sich angemessen zur Wehr setzen muss/kann vor Allem bei Dissoziationen, einem üblichen Schutzmechanismus nebst Angirff und Flucht.

        Desweiteren geht es mir ganz konkret darum hier in diesem Blog allgemein meine Erlebnisse aufzuarbeiten und mich mit den Folgeerscheinungen auseinander zu setzen. Auch wenn der Prozess am Ende in einen Freispruch gemündet ist, so bin ich doch froh es getan zu haben und Schwarz auf Weiß zu haben. Dass Recht und Gerechtigkeit nicht konform gehen ist mir klar und dass jedwede Form einen Prozess als Rache zu sehen sinnfrei ist ebenfalls. Ich sehe es als wichtigen Schritt für jedes Opfer an sich darüber bewusst zu werden, dass man sich wehren kann, dass man nicht alleine ist. Nicht mehr und nicht weniger.

        Und ich bitte dich darum dich an diejenigen zu wenden, die explizit meinen Fall als „Regelfall“ geltend machen. Der Verursacher bin nicht ich mit meinem Fallbesipiel und eine Schuldzuweisung ist mehr als unangebracht an so einer Stelle mit dem Hintergrund so einer Situation. Bitte appelliere da doch mal an dein eigenes Einfühlungsvermögen und nicht nur an die eigene Angst ggf. selbst Opfer der Justiz zu werden, wenn sich etwas ändert im Sexualstrafrecht.

        Vielen Dank für das Gespräch.
        Auf Wiedersehen.

        Leider muss ich mich immer wieder wundern, was für absurde Unterstellungen man zu hören bekommt

        Gefällt 1 Person

      3. Für die hochgelobte Statistik, die über Individuen und ihre Gefühle gestellt wird, hier auch ein paar Zahlen zur Referenz:

        https://frauenrechte.de/online/images/downloads/hgewalt/Sexuelle-Gewalt-in-Deutschland.pdf

        Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s