Der Tag X – Wie er war und die Folgen (Trigger)

Der Tag X – Wie er war und die Folgen (Trigger)

Jetzt habe ich mich lange Zeit sehr schwer damit getan darüber überhaupt schreiben zu wollen. Nicht zuletzt, weil ich das Gefühl hatte von aller Welt verlassen zu sein, keine Unterstützung zu haben, nicht mal jemanden, mit dem ich darüber groß sprechen konnte. In der Nacht davor und die letzten beiden Wochen begleitete mich deshalb auch unter Anderem große Wut. Wut durch Verzweiflung und Hilflosigkeit, weil das Gefühl nicht gehört zu werden, obgleich ich doch schreie, unerträglich war. Der Hauptgrund: Falsche Rücksicht, eigene Ängste oder mit anderen Problemen beschäftigt. Mein gesamtes Netz ist aus heiterem Himmel genau um diesen Tag herum vollkommen zusammengebrochen. Kein Zuspruch, kein Ohr, nur Small Talk und Ablenkung. Ein paar Male habe ich es angesprochen, dass es jetzt wichtigeres für mich gäbe… Vergeblich. Es fühlt sich an, als wolle niemand zuhören, sich damit auseinandersetzen. Die Realität sieht doch noch ein Stück weit anders aus als das Gefühl. Natürlich hat mich eine liebe Freundin in der Nacht davor noch besucht, als ich kurz vor´m Kollaps stand und natürlich hat sie und ein weiterer guter Freund mich zur Kripo begleitet und klar haben sich einige gemeldet und haben mich auch besucht anschließend und dennoch immer wieder das Gefühl in einer Masse zu stehen, zu schreien und niemand hört einen… Für alle Parteien nicht fair.

Über die Nacht davor kann ich kaum etwas sagen. Es hat mich innerlich zerrissen und 1000 Stimmen in meinem Kopf brüllten durcheinander in unendlicher Wut und Verzweiflung, Erinnerungen habe ich an diese Nacht kaum, nur eben, dass es irgendwann doch an der Tür klingelte und ich danach 3 Stunden Schlaf gefunden hatte. Direkt als ich aufstand musste ich würgen. In einer Tour durch immer würgen und mich übergeben. Weil das nicht aufhörte nahm ich den Eimer direkt mit, ich wollte weder das Auto noch das Büro der Kommissarin versauen… Als wir endlich einen Parkplatz hatten konnte ich kaum noch gehen. Jeder Schritt schmerzte wie Hölle und das Würgen hielt an. Umso näher wir dem Gebäude kamen desto krasser wurden die Symptome. Mein Bauch fühlte sich an als würde eine Atombombe darin explodieren und ich wartete quasi darauf, dass er zerplatzen würde. Meine Arme und Beine waren unendlich schwer und mir war, als würden mich 1000 Nadeln gleichzeitig stechen, dazu ein dröhnender Kopf, kaum Luft, als hätte ich die schlimmste Grippe meines Lebens. Alles tat weh… Zum ersten Mal wurde mir damit auch klar, wie sehr Körper und Psyche zusammenhängen. Mit Allem hätte ich gerechnet, nur nicht mit so einer Reaktion. Ich hätte damit gerechnet mit verschiedenen Stimmen zu sprechen, Panikattacken zu bekommen, in vollkommene Starre zu verfallen… Nichts der Gleichen geschah, weil ich dagegen kämpfte und weil ich da endlich durch wollte. Keine Umkehr, ich muss es endlich aussprechen, was mich all die Jahrzehnte schon verfolgt hat, mein Leben lang. Das, was ich nicht einmal meinen Therapeuten im Detail erzählen konnte… Gewusst haben es viele, oberflächlich. Mit mir zur Polizei gegangen ist niemand, nachgefragt hat niemand, mir zugehört hat niemand. Dieses unsägliche Gefühl allein zu sein mit dieser Hölle ist und war ebenfalls ewiger Begleiter. Doch allein war ich an diesem Tag eben glücklicherweise nicht. Kurz vor dem Eingang war eine Treppe… Ich musste innehalten und schaffte sie nur mit Hilfe des Freundes hoch, weil er mich an den Arm nahm. Diese Stufen… Dieser Weg… Wer Game of Thrones schaut erinnert sich bestimmt an die Szene, in der Cersei durch die Stadt getrieben wird. „Shame!“ „Shame!“ „Shame!“ Nur dass ich mich keines Verbrechens schuldig gemacht hatte, sondern eben mein Vater. Und dennoch waren Scham und Schuld dadurch immer tief in mir verankert. Er hatte es in mir verankert, ja, ich fühlte mich immer schuldig dafür, obwohl er der Täter war. Täter von schwerem sexuellem Kindesmissbrauch. Die Folgen spüre ich bis heute…

Die Kommissarin war wirklich nett. Meine beiden Freunde durften logischerweise nicht mit rein zur Vernehmung, aber sie gestaltete das ganze Szenario doch halbwegs erträglich, bot mir etwas zu trinken an und machte auch keine komischen Bemerkungen über den Kotzeimer und mein Stofftier im Arm. Ich musste allerdings sogar selbst einen kurzen Moment darüber lächeln, wie absurd dieses Bild doch nach außen wirken mag. Ich bin so froh darüber an eine kompetente Frau geraten zu sein, kenne ich doch von früher eben genau jenes Gebäude und auch nicht so freundliche Beamte. Also klar, die haben auch ihren Job gemacht, aber wirklich wohl fühlte ich mich da nie. Eher wirklich wie in einem Verhör statt bei einer Vernehmung. Kann aber auch subjektiv sein, die letzten Male liegen zu weit zurück (2004: Vater von ehml. Freundin und 2011: Arbeitskollege). Darauf kamen wir allerdings auch kurz zu sprechen, weil in den Akten aus 2004 auch mein Tagebuch vorlag, indem bereits erste grobe Schilderungen und Anspielungen auf die Thematik zu finden waren. Ob ich je Details reingeschrieben hatte? Ich erinnere mich nicht. Ich habe nie wieder in dieses Buch geschaut, weil sie es vor Gericht nur zu oft versucht hatten gegen mich zu verwenden.

Die Details meiner Aussage möchte ich erst nach der Verhandlung veröffentlichen. In mir drängt es zwar, aber ich denke es wäre einfach nicht gut für die laufenden Ermittlungen. In einem persönlichen Gespräch schildere ich die Vorfälle allerdings, falls es überhaupt jemanden interessiert oder sich mein gegenüber dafür stark genug fühlt. Leider sind ja sehr viele in meinem Bekanntenkreis selbst betroffen… und seit diesem Tag X ist mir eben auch umso bewusster, warum niemand anzeigt. Weil es einfach psychisch und körperlich kaum zu ertragen ist. Dennoch hab ich mich tatsächlich bei der netten Frau nicht übergeben müssen und sie hat wirklich vorsichtig und ruhig mit mir gesprochen, hat natürlich bei Details nachgehakt, aber ich habe auch genügend Details in Erinnerung. An dem Punkt, dass man sich an Erlebnisse um das 3. Lebensjahr herum kaum erinnern kann, wurde es natürlich noch einmal sehr kritisch für mich, weil ich eben diese Erinnerungen habe und man mir echt mal das Gegenteil beweisen soll. Ich hatte mich ein wenig in weiterführenden Geschichten dazu verlaufen, um zu beweisen, dass man mir eben glauben kann. Ich habe so viele so frühe Erinnerungen, erzählte ihr davon, dass ich mich sogar an Albträume aus dem Kindergarten oder an all die Namen erinnern kann und auch vor dem Kindergarten bei welchen Tagesmüttern ich war, wie die Wohnung aussah, was ich im TV geschaut hatte etc. Wenn ich jemals eine Autobiographie schreiben sollte und ganz von vorne anfangen würde, würden die ersten Lebensjahre schon ein großes Kapitel füllen, weil ich nie vergessen habe und auch im Laufe der Zeit hatte ich mir geschworen niemals zu vergessen. Dafür leidet eben jetzt mein Kurzzeitgedächtnis. Keine Ahnung, was vor einer Woche war oder gestern… Irgendwas bestimmt, aber nichts, was sich einprägen muss. Fürher hatte ich mir wohl immer Eckdaten herausgenommen, damit der Faden nicht abreißt. Verdrängen konnte ich nie.

Was ich vielleicht noch zu der Vernehmung sagen kann ist, dass mein Vater bereits seinen Vernehmungstermin hatte, allerdings nicht erschienen ist. Die Beamtin sagte mir, dass das für mich sogar gut ist, weil wenn das Urteil gesprochen wird, wird man ihm das negativ anlasten. Wer weiß, warum er nicht erschienen ist. Theorien habe ich genug, aber sie spielen im Endeffekt keine Rolle, weil ich auch weiß, dass er sich schuldig fühlt. Vor langen Jahren hatte ich ihn mal konfrontiert und ihm gesagt, dass ich mich erinnern kann und er hat nur geweint und mich danach ständig angerufen, weil er Angst hatte, dass ich ihn anzeigen würde… Damals konnte ich das nicht. Damals konnte ich mit niemandem so wirklich darüber sprechen und wie oben ja schon erwähnt, das Gefühl der eigenen Schuldigkeit. Ich bin froh es jetzt dennoch getan zu haben. Als ich aus dem Präsidium heraus kam schien die Sonne und ich fühlte mich frei und erleichtert, wie noch nie in meinem Leben. Eine riesen Last ist von meinen Schultern gefallen und ich konnte durchatmen. Als wären nun alle Fesseln gesprengt.

Wir setzten uns anschließend noch in den Park auf eine Bank, aber irgendwie lässt mir das Leben dann doch keine ruhige Minute. Um die Ecke kam ein ziemlich irrer Typ, der mich und meine Freundin anpampte. Wir seien so hässlich, warum wir denn nicht von der Brücke springen würden oder uns in die Luft sprengen. Ich war völligst perplex. Sowas nach so ´ner Vernehmung ist schon ´ne Nummer für sich… Ich schaute auf meine vernarbten Arme, die kürzlich noch geflickten Pulsadern und sagte für mich „Tja, hat halt nicht geklappt.“, aber konterte dem Typen trotzdem, dass er doch dann bitte den Anfang machen soll. Schön spontan dann doch noch halbwegs schlagfertig zu sein. Zum Glück kam unser Freund um die Ecke und versuchte den Typen zu verscheuchen, der sich natürlich gebärdete sich mit ihm prügeln zu wollen. Nach genügend weiteren Drohungen sind wir dann einfach nochmal zurück zum Präsidium und haben ´ne Streife geordert. Platzverweis für den Heini, aber ok. Ich war eh fertig und wollte mich eigentlich nur noch ausruhen. Der Tag hatte zwar gerade erst begonnen, aber diese 1 1/2 Stunden in dem Raum waren für mich füllend wie sonst ein ganzer Monat, so kräftezehrend war es.

Alles in Allem kann ich abschließend sagen, dass ich es nicht bereue die Anzeige gemacht zu haben. Im Gegenteil, auch wenn es die Hölle für mich war, geht es mir damit jetzt um ein Vielfaches besser und langsam aber sicher klingt auch die Wut ab. Ein bisschen Zeit wird es trotzdem noch brauchen, aber ich denke auch, dass meine Freunde stark genug sind das zu ertragen, sowie es eben auch umgekehrt wäre.

Die Gruppen und ich – Ein kleiner Gedanke zur Identität

Die Gruppen und ich – Ein kleiner Gedanke zur Identität
Irgendwie hatte ich nie eine wirkliche Gruppe, mit der ich mich identifiziere, ich war immer nur ich. Mir hat sich das einfach nie erschlossen blind zu vertrauen und nachzubeten, mich unterzuordnen und anzupassen. Ein bisschen bunt, ein bisschen dunkel, immer kritisch… Klar, in der schwarzen Szene und im Punk fühle ich mich sehr wohl, aber auch auf Raves. Ich könnte nie sagen ich hasse irgendeine Musikrichtung, weil es immer auch einen Song gibt, der mich vielleicht doch berührt und irgendein Aspekt, der mir doch gefällt. Ich hab mir rechte und linke Lager von innen angesehen, war mit beiden saufen, hab mich aber nie bekehren lassen, weil mich zu viel gestört hat an der Gruppendynamik und den Ausartungen der Ideologien. Tendenziell werde ich links eingeordnet, gerate aber ebenso auch mal mit Linken aneinander. Ich kann einfach nicht sagen, dass alles gut ist, was jeder dieses Spektrums sagt und tut. Und den Religionsunterricht hab ich ständig gewechselt, um ein bisschen verstehen zu können, was so die Unterschiede sind, was die Menschen da glauben. Getauft bin ich bis heute nicht, würde ich auch nie, aber ich weiß einfach, dass Menschen eben auch ihr Glück und ihren Halt im Glauben finden und es natürlich auch immer wieder jene gibt, die ihn missbrauchen, was im Endeffekt auch immer wieder auf die Gruppe zurückfällt und ein Bild etabliert. So wie eben bei jeder Gruppe. Die extremen Außreißer sind immer die auffälligen, die das Bild prägen. Gewalt erzeugt Emotionen, hat deshalb auch eine gewisse Macht…
Zwar weiß ich nicht zu wem ich gehöre, aber ich weiß zumindest, dass ich ich bin und hinterfrage alles, auch mich selbst. Ich toleriere jedwede Gruppierung und lehne Gruppen dennoch ab, weil ich nie gänzlich dafür sprechen kann. Es gibt einfach zu viele Arschlöcher, immer, überall und doch sind die Arschlöcher auch nicht immer die Mehrheit.

Neuer Termin… [Trigger]

Neuer Termin… [Trigger]

Brauche mehr Ablenkung… Hoffentlich überlaste ich mich die nächsten Tage nicht, aber umso mehr Ablenkung, desto besser. Jede freie Minute ist schon wieder mit Flashbacks gefüllt. Der erste Tag der Vernehmung wurde verschoben, weil die Kommissarin krank geworden ist, das hatte mir noch einmal 3 Wochen Zeit verschafft, nun steht allerdings der neue Termin fest. Montag.

Ich will einfach nicht daran denken, aber auf der anderen Seite muss ich daran denken, weil es eben immer näher rückt. Bei der ersten Terminvergabe hatte ich noch allen Bescheid gesagt, aber die Resonanz hatte mich auch leicht überfordert. Woher soll ich auch wissen, was gut für mich ist nach solchen Stunden? Ruhe, Menschen, Schreien irgendwo, wo mich niemand hört, Tabletten? Ich weiß es nicht… Zwischen Tür und Angel quasi konnte ich mich zumindest dazu aufraffen eine Freundin zu fragen, ob sie mich begleitet, mehr ist gerade nicht drin und dieser Blogeintrag. Der zweite Brief mit dem Termin hat mich nicht direkt so weggeflasht, wie der erste. Ich hatte ihn direkt auf die Ablage gelegt in der Hoffnung er gerät dort eine Weile in vergessenheit und das hat auch funktioniert zum Glück. In den letzten Tagen war ich wieder sehr produktiv, habe viel gezeichnet, layoutet und mich um unseren neuen Onlineshop gekümmert, also alles in allem sehr positiv. Nur mein Schlafrythmus ist hinüber. Die Nächte mache ich durch und komme erst im Morgengrauen zur Ruhe. Schon sehr nervig und anstrengend, wo ich doch alles eine Weile wieder in den Griff bekommen hatte. Nun ist mein Therapeut auch im Urlaub und irgendwie bekomme ich mich immer noch nicht dazu durchgerungen mir erneut Hilfe zu suchen, was ich ja das ganze halbe Jahr schon versucht hatte und nur auf Abweisung gestoßen bin. Vielleicht muss ich da einfach auch mal alleine durch, vielleicht werden mir auch allein genug Dinge für mich klar. Der Kampf, der in mir tobt, kann eh von außen nicht beeinflusst werden, es liegt allein in meiner Hand einzugreifen und es zu beenden. Ein Ende finden, glücklich sein, leben… Ich merke immer sehr, wie sehnsüchtig mich dieser Wunsch begleitet und ich merke auch, dass ich immer mehr erreiche für mich selbst, um an dieses Ziel zu gelangen. Der Weg ist noch weit, aber ich bin gewillt ihn zu gehen und denke nicht mehr an Rückkehr oder an Abbruch. Noch einmal den Schmerz erfahren, der mich Jahrzehnte lang begleitet hat, damit ich ihn zuordnen kann, damit ich ihn abhaken kann und sagen kann: „Es ist vorbei.“

Noch ist nichts vorbei, noch bin ich erst am Anfang. Wenn die ersten Worte gesprochen und zu Papier gebracht sind, erst dann weiß ich, wie es weiter geht. Für mich steht aber eines fest: Ich will keine Rache, ich will Gerechtigkeit. Am Ende ist mir egal, welches Urteil gesprochen wird, ich akzeptiere alles, außer einen Freispruch. Letzteres befürchte ich aber nichtmals. Ich weiß was geschehen ist und ich weiß, dass er sich daran erinnert, sich auch schuldig fühlt, weil ich ihn damals konfrontiert habe und sagte: „Papa, ich kann mich erinnern!“. Er weinte und rief mich danach ständig an, weil er Angst hatte ich würde einen juristischen Weg gehen, aber das konnte ich nicht zu der Zeit und das fällt mir auch jetzt schwer. Nicht, weil es mein Vater ist, sondern weil es so tief in mir verwurzelt ist, mir so viele Ängste bereitet, mich lähmt, sodass ich kaum den Mund aufbekomme. Ich hoffe bei der Kripo schaffe ich es die Details zu erzählen ohne in Panikattacken oder Dissoziationen zu verfallen. Für meinen Anwalt hatte ich grob schon den Tathergang geschildert. Das erste mal, dass ich es halbwegs in Worte gefasst hatte. Ja, ich kann mich erinnern, an jedes Details, an jeden Geruch, an jedes Wort, an jeden Kontakt, an die Digitaluhranzeige, die rotleuchtend über Allem prangte und das dunkle Schlafzimmer, dass nur leicht von der geöffneten Tür zum Flur beleuchtet war… Naja… Alles Details, die sicher erfragt werden und hinterfragt werden, die dazu benutzt werden mich zu belasten, sofern das möglich ist. Aber ich kenne die Justiz und die Behörden ja bereits, sie drehen einem aus jedem Detail einen Strick oder versuchen es zumindest. Wichtig ist, dass ich mich erinnern kann und dass ich diesen Schritt gehe und wichtig ist, dass ich weiß, dass er Schuld empfindet und das schon lange.

Mein ganzes Leben baut auf diesen Taten, diesen Erinnerungen auf. „Charakterbildende Phase“… Das hört sich so schön kalt und analytisch an, was sich aber dahinter verbirgt sind lebenslängliche Qualen, Ängste, Schmerzen, körperlich und seelisch. Jede Kleinigkeit kann eine riesen Sache werden, allein der Gang zur Toilette ist immer und immer wieder die Hölle für mich. Entweder begleiten mich die Erinnerungen oder aber die Schmerzen immer im Wechsel. Als Kind habe ich oft in meinen Kleiderschrank gepinkelt, weil ich mich nicht auf´s Klo traute, das fing wirklich früh an… Naja auch solche Erinnerungen kommen immer mit hoch, weil alles irgendwie mit allem verknüpft ist. Man lernt zu überleben und nicht zu leben, man lernt Situationen ganz anders als andere Menschen, man hält Dinge für normal, die eigentlich alles Andere als normal sind. Aber ich will auch  nicht weiter ausholen. Das Puzzle ist für mich schon lange gelöst, ich hatte es nur weider auseinandergenommen, weil ich das Bild nicht sehen wollte, weil ich nicht sehen wollte, dass ich aus solchen Anteilen zusammengesetzt bin und meine ganze Persönlichkeitsstruktur und meine Verhaltensschemata alle darin begründet sind. Nun tue ich es doch, damit ich einfach noch einmal von vorne anfangen kann. Meine ersten Schritte noch einmal neu gehen, Menschen neu kennenlernen, Situationen neu bewerten, Gefühle neu erleben und neubewerten. Allem voran die Angst. Sie soll verschwinden.

Während ich auch nur diese Bruchstücke schreibe spüre ich wieder die Schmerzen. Alles verkrampft und ich darf mich nicht bewegen, darf es niemandem verraten, weil er es verboten hat. Aber ich wehre mich jetzt dagegen, ich bewege mich trotzdem, ich rede trotzdem, damit er keine Macht mehr über mich hat!

Die Frage, die immer wieder in meinem Hinterkopf pocht ist: „Warum?“ und „Warum immer ich?“. Das allein hätte doch gereicht, doch mein Leben von dem Zeitpunkt an bestand zu so vielen Anteilen aus Gewalt auf allen Ebenen, von allen möglichen Leuten… Kein Wunder, dass manch einer denkt, ich würde lügen, weil es auch einfach kaum zu glauben ist. Ich will es selbst nichtmals glauben und übe mich in Verdrängung, hülle mich seit einigen Jahren in Schweigen, doch das macht es einfach nicht besser. Hier schrieb mir letzlich auch wieder jemand, ich solle meine Lügengeschichten doch sein lassen. Den Kommentar habe ich nicht freigeschaltet. An der Seite leuchtet immer noch eine rote 1, die mir anzeigt, dass ich mir nicht durchgelesen habe, was dieser Mensch mir sonst noch vorzuwerfen hatte. Ich wollte es erst löschen, dann wollte ich herausfinden, wer das ist und am Ende, versuche ich es einfach zu ignorieren. Es gibt immer diese Leute, die vielleicht nur das Gute in der Welt akzeptieren können, die sich nicht vorstellen können, wie viel Gewalt in unserer Gesellschaft wirklich vorherrscht. Da könnte ich hunderte von Betroffenen vorsprechen lassen, diese Leute wollen es nicht sehen. Wegschauen und die Opfer beschuldigen, weil sie selbst Angst haben, dass ihr heiles Weltbild zerstört wird. Traurige Gestalten… Sie füttern die Täter und machen sich mitschuldig und merken es dabei nicht einmal.

Ich wünsche mir für Montag alles Glück der Welt, viel Kraft und Durchhaltevermögen und eine schnelle, präzise Vernehmung mit ein bisschen Rücksicht und Menschlichkeit. Bitte nicht wieder geprägt von Vururteilen und Vorwürfen… Vielleicht färbe ich mir die Haare sogar noch vorher, weil ich nicht will, dass mein bunter Kopf direkt wieder mit „Junkys“ assoziiert wird, wie von der letzten Polizistin hier im Haus oder wohl auch von den Krankenschwestern, die mich letztes WE so fragwürdig behandelt hatten. Ich verübel niemandem seine Vorurteile, ich finde sie nur unangebracht, erst Recht, wenn sie in Diskriminierung ausarten, wenn man doch Hilfe benötigt. Auch so ein Ding, was ich gut von der Justiz kenne… Vielleicht berichte ich mal von den ganzen Verhandlungen, denen ich bisher schon beiwohnte, wenn die Zeit kommt. Wenn ich darauf zurück blicke denke ich wirklich, ich habe schon viel erlebt, viel zu viel und heute kann ich meinen Therapeuten verstehen, der mir mit 16 verdutzt sagte: „Und du lebst noch?!“ Heute wundert mich das auch… Wie hab ich das nur all die Jahre geschafft und ausgehalten? Wie nur? Vielleicht nur mit Glück, vielleicht mit guten Freunden, vielleicht mit der Hoffnung an ein gutes Ende und viel Willenskraft… Aber ehrlich gesagt weiß ich es nicht. Wär mein erster Versuch geglückt, wäre ich schon seit 15 Jahren tot. Stattdessen hab ich mich immer wieder hochgerafft und so viel geschafft, so hart daran gearbeitet meine Träume zu verwirklichen, meine Ziele zu erreichen. ich weiß gar nicht, wie es auf der anderen Seite sein wird. Auf der Seite, auf der alles gut ist. Ich bin gespannt…

Nord Open Air – Zerborchen, Erbrochen und dennoch voller Hoffnung

Nord Open Air – Zerborchen, Erbrochen und dennoch voller Hoffnung
Der Tag gestern war echt schön! War wirklich toll so viele Leute wieder zu sehen!❤ Und genau das will und werde ich auch in Erinnerung behalten.
 
Aber wie jeder schöne Tag, gab es leider auch wieder kein Happy End. Ich bin immer noch fassungslos und kann das Verhalten eines vermeintlichen Freundes gar nicht in Worte packen. Statt ihm auf die Mütze zu geben hab ich mich danach abgeschossen und bin mal wieder im KH aufgewacht. Letzteres hätte ich mir auch sparen können… Musste im Durchzug auf´m Flur auf ´´ner Trage pennen mit einem Stück Stoff als Decke und Handtüchern als Kopfkissen. Kein Wasser, nichts zu essen, nichts gegen die Schmerzen, keine Infusion, nichtmal ein „Guten Morgen“. Beiße mir in den Hintern, dass ich nicht noch 10 Minuten Fußweg nach Hause geschafft hatte und beiße mir in den Hintern, dass ich mich so habe abfucken lassen von diesem riesen Arschloch! Ich hoffe er kreuzt nie wieder meinen Weg, echt für mich gestorben!
 
Was passiert ist? Will ich fast schon kaum nochmal beschreiben, weil es mich so unendlich wütend macht…. Ich kürze es ab mit: Dieser Freund hat mich ausgelacht und behauptet, ich würde doch nur Geschichten erzählen, ich würde lügen und zwar in Bezug auf den aktuellen Prozess gegen meinen Erzeuger.
 
Ich denke jeder hier weiß, wie schwer das für mich ist diesen Schritt überhaut gemacht zu haben und ja, ich erwarte auch von den Behörden noch auseinandergenommen zu werden und auch da mit der Glaubwürdigkeitsfrage konfrontiert zun werden, was mir auch hart aufstößt, aber ich erwarte so eine Reaktion einfach nicht von Menschen, die sich immer als „Freunde“ an meine Seite gestellt haben. Erst Recht nicht als bloße Trotzreaktion, weil man mal nicht zu ´ner Party erschienen ist… Am Ende bin ich hingegen aber auch froh, dass dieser Idiot sich nun entgültig enttarnt hat und ich mir noch deutlicher darüber im Klaren bin, dass ich nie wieder Kontakt zu Herrn Kaffee haben möchte. Verschwinde aus meiner Sicht- und Hörweite, verschwinde aus meinem Leben für immer!
Alle Anderen hingegen sind mir gerade noch ein Stück näher ans Herz gerückt. Ich habe nach dieser Aktion gestern wirklich lange geweint, aber viele haben mir ihr Ohr geschenkt und haben mich getröstet. Ich bin euch dankbar dafür, dass ihr für mich da wart. Ich hätte mich vielleicht nur noch mehr anlehnen sollen und nicht abschießen, dann würde ich heute auch wieder bei euch sitzen können… Vielleicht dann morgen wieder oder an einem anderen Tag.:)

Die Masse hasst und ich hasse die Masse

Die Masse hasst und ich hasse die Masse

Seit der letzten Nacht kann ich nicht mehr aufhören mir den Kopf zu zerbrechen. Ein erneuter Versuch sich unter Leute zu mischen und schon wieder ein Übergriff. Diesmal nicht auf mich, sondern auf eine Freundin, die neben mir saß und zeitgleich während der Ablenkung auch wieder auf meinen Bruder. Sie hat es allerdings härter getroffen, weil der Spinner einfach nicht von ihr ablassen wollte und sie wirklich auf´s übelste begrabscht und beleidigt hatte, bis ein anderes Mädel ihn mit Pfefferspray in die Flucht geschlagen hatte. Der Kollege von dem Typen versuchte währenddessen Rob das Handy zu zocken, was allerdings auch fehlschlug. Ich hab es so satt davon zu berichten, es ist jedes Mal die selbe Geschichte, nur die Gesichter und die Orte wechseln. Diesmal waren es Erdowahn-Machos. Jo, wer sein Feindbild bestätigen möchte, kann dies bestimmt mit dieser Information tun und auf der anderen Seite hatten uns ein paar Libanesen und Iraner zur Seite gestanden. Also hier bitte auch für die andere Seite einmal Futter. Aber wisst ihr was? Es ist mir weiterhin scheißegal, wo wer herkommt, wer welche Sprache spricht oder welche Hautfarbe hat. Die Menschen haben ihre beschissenen Wichsgriffel allesamt bei sich zu lassen und ihren Frust eindeutig mal an andere Stelle zu ventilieren! Man kann echt nirgends mehr hingehen ohne so eine Scheiße… Überfälle, Diebstähle, Grabscherei… Ich kann gar nicht mehr mitzählen, wie oft meine Freunde, Familie und ich selbst in den letzten beiden Jahren angegriffen wurden und es wird irgendwo sehr wohl stetig schlimmer, weil diese ganze Gesellschaft sich verändert. Nein, nicht durch Zuwanderung, sondern durch verfluchte Ängste, die sich in Wut wandeln oder in Überanpassung, die sich hinterher auch in Wut wandelt… Eine Wut- und Hassgesellschaft ist das, in der wir leben aktuell. Und zum ersten Mal denke ich daran mich zu bewaffnen zur Selbstverteidigung, weil ich mit Worten und Diplomatie nicht weiter komme, weil Leute zu Boden geprügelt werden und dann noch weiter drauf eingeschlagen oder gestochen wird für ein Handy oder eine Schachtel Kippen… bis sie tot sind. Ich hab diese Gewalt so satt, ich bin so müde davon und doch kann ich nichts tun. Angst habe ich nicht, ich bin nur sehr traurig und zutiefst enttäuscht. Ich will nicht alles Schwarz malen, es gibt natürlich auch schöne Seiten und nette Menschen, aber dennoch ist selbst der schönste Abend überschattet, wenn wieder Gewalt zum Einsatz kommt… Das war also das Turock Sommerfest. Ich werde nicht in Erinnerung behalten, dass wir durch die Kneipen gezogen sind und Leute kennengelernt haben, ich werde in Erinnerung behalten, dass wir wieder attackiert wurden, sowie auch beim letzten Japantag und ach… ich mag nichtmals mehr aufzählen, ich kann gar nicht mehr zählen…

Ich will meine Gesellschaft zurück, in der ich mich einfach mit zig tausend Menschen auf die Straße setzen kann, tanzen, saufen, Party hard… Gab zwar immer schon Probleme aber echt nicht in so ´nem Ausmaß. Alles nur noch voller StiNos und Assis, echt zum kotzen! Und alles was Alternativ ist, ist elitär geworden… Ich hab das Gefühl Subkulturen lösen sich gerade gänzlich auf zu einem frustrierten Einheitsbrei und die paar übrig gebliebenen Fossilien werden wirklich begafft und betatscht wie Zootiere. Wo sind die Szenen, wo sind die Leute, wo ist die gute Laune und Ausgelassenheit? Party ist heute irgendwo nur noch Abschuss oder überkorrekt. Was soll der ganze Mist? Ich hab das Gefühl ich bin auf ´nem anderen Planeten gelandet…

Ich hab selbst immer gerne Parties geschmissen und die waren auch immer relativ groß, gut besucht und haben allen Spaß gemacht. Den hauseigenen Stress kann man regeln. Würde ich auch gerne wieder machen, mein Traum ist auch immer noch eine eigene Location mit richtig fetten Konzepten und bunt, aber wenn das Publikum nicht mehr mitmacht… zerplatzt mir auch diese Seifenblase irgendwann. Ich seh das immer mehr… Die Läden gehen reihenweise kaputt, die Szenen sind Touristenorte geworden und nur noch von der Elite und dem harten Kern besucht, wenn noch vorhanden. Alles ist zersplittert und wird zu Brei.
Einzig die kleinen illegalen Raves und Goa-Partys sind noch ansehnlich, meist weil die Deko ganz cool ist… Thats it.
Ich vermisse gerade ganz furchtbar die alte Zeit, in der man sich mal eben mit 200 Leuten jeden Tag getroffen hat. Ich vermisse Einkaufswagen als Grillrost und Abflussgruben zum skaten, ich vermisse zerissene Strumpfhosen und Trichtersaufen, ich vermisse Veganer mit Würstchen bewerfen und gleichzeitig gemeinsam Barrikaden aus Autos schweißen, ich vermisse Party, Pogo, Spaß und alles was da eben zugehört, ich vermisse Persönlichkeiten und Identitäten und die Zeit in der Leute nach Badewannenstöpseln und Ratten benannt wurden, weil sie diese immer bei sich trugen, ein bisschen skurril und doch irgendwo eine persönliche Note. Ich vermisse geistreiche Gespräche, philosophieren über das Universum und die Welt und gleichzeitig die Flasche Sangria plätten und Gruppenkotzen.
Wo zur Hölle ist das alles hin? Wo sind die ganzen Leute? Auf den Straßen sind nur stumpfe Visagen, die gebannt auf ihre Telefone starren, in der Hoffnung dort würde irgendetwas geschehen… Jeder mit sich selbst beschäftigt, nur noch auf Anpassung und dem verstecken in der Masse getrimmt, damit ja kein Fehler geschieht. Sowieso sind Fehler heutzutage nicht mehr menschlich, sondern existenzbedrohend. Niemand darf Fehler machen oder haben, alle müssen perfekt genormt sein, nicht zu viel, nicht zu wenig, Jeans und T-Shirt zu den Sneakers reicht. Maximal die Hipsterbrille und den Jutebeutel, aber auch nur, wenn man sich rebellisch genug fühlt… und der aufgestaute Frust, den der Druck der Anpassung mit sich bringt wird in langatmingen politischen Debatten hinausgetragen, die nicht lösbar sind und nur dem gegenseitigen Anstacheln oder Bestätigen dienen und die Schwächsten der Gesellschaft entladen ihren Frust der Unterdrückung ihrer Identitäten in Gewalt und Übergrifflichkeit. Egal ob Nazi oder Flüchtling oder Links oder Rechts oder sonst was. In dem Punkt sind nämlich mittlerweile auch alle gleich und genormt. Scheiße ist das, absoult Scheiße! Nicht „das Volk“ hat seine Identität verloren, sondern jeder Einzelne, der in der Masse mitschwimmt.

Ich hatte schon früher ein Problem mit dem Mainstream, doch heute… heute hat er mir meine Identifikation geraubt. Gefährlich, weil so lassen sich Menschen instumentalisieren und radikalisieren. Ein schleichender Prozess in unserer Gesellschaft, der tiefgreifende Konsequenzen hat und noch haben wird.

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Zuletzt noch ein früher Gedanke von heut zu dem Thema. Das hat mich heute eden ganzen tag nicht losgelassen:
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Die Hasskette und die Kettenreaktion…

Die Hasskette und die Kettenreaktion…
Wann ist der Punkt erreicht, an dem wir von Gewalt so übersättigt sind, dass wir keine Trauer mehr empfinden, sondern nur noch Wut? Ich fürchte schon bald, vielleicht in manchen Köpfen schon jetzt und das macht mir Angst.
 
Ich habe schon früh viel Gewalt erfahren, viele Schlimmes gesehen und zu spüren bekommen, nur ich merke, etwas hat sich verändert. Wir sind vielleicht sensibler geworden, schauen doch mal eher hin statt weg, werden gar medial überreizt und überflutet, doch sobald wir den Blick nun in die Richtung gewendet haben, sind wir so erschrocken, dass uns die Hilflosigkeit und Verzweiflung packt. Heute sehen wir alle das Leid, heute spüren wir es alle und heute wurde wieder ein neuer Keim gepflanzt, der nur weiter zur Eskalation führt.
 
Wir dürfen uns nicht der Angst ergeben, nicht in Wut ersticken, sondern vielleicht achtsamer sein unseren Nächsten gegenüber und einfach weiter in Glück und Freiheit leben, dieses Leben genießen, solange wir noch die Kraft dazu haben, solange es noch möglich ist. Jede Sekunde ist kostbar und jeder Hass vergeudete Energie, die ein bereits loderndes Feuer nur weiter schürt.
 
Lasst uns still Anteil nehmen an den Schrecken dieser Welt, aber lasst uns auch aufstehen und dem Hass und der Gewalt keine weitere Chance geben, indem wir Mutmaßungen aufstellen, Vorurteile füttern, noch mehr weitere Keime streuen, aus denen wieder neuer Hass erwächst. Trauern um die Opfer, ohne selbst zum (Mit-)Täter zu werden funktioniert ganz leicht: In Gedanken mit einer Träne im Gesicht und einer Kerze in der Hand. Und wenn die Kerze erlischt und die Träne getrocknet ist, sollten wir nicht verlernt haben auch zu lächeln. Zu lächeln, dass wir das Glück haben trauern zu können, dass wir das Glück haben in den Gedanken und auch in unserem Handeln frei zu sein.
 

Auf dem Weg

Auf dem Weg

Jetzt im Nachhinein bin ich mir noch sicherer denn ja, dass es wichtig für mich war und ist die Geschehnisse auszusprechen, auch wenn sie auch noch so grausam waren und im Moment des Schreibens/Sprechens mich unglaublich verängstigen und Kraft kosten. Nach unzähligen Nachrichten des Zuspruchs, aber auch sehr vielen anderen Erlebnissberichten, die nie an die Öffentlichkeit gelangt sind, weiß ich, dass ich nicht alleine bin, dass wir nicht alleine sind.

Der Schritt einen Teil meiner Geschichte mit der Welt zu teilen war ein großer, aber ebenso wichtiger und guter Schritt. Denn jetzt, einige Zeit später, merke ich die ersten positiven Auswirkungen. Mir geht es besser. Die Panikattacken werden weniger, der Druck vermindert sich, die Dissos kommen nicht mehr täglich und ich habe mich zu vielen weiteren kleinen Schritten überwinden können. Die Renovierung schreitet voran und ich bin zufrieden mit der Raumgestaltung, die ersten Zukunftspläne werden wieder konkret und ich beginne mich mit Projekten und Aufträgen auseinander zu setzen, noch zögerlich und nicht mit voller Konzentration, aber stetig. Dazu bin ich gestern endlich vor der Tür gewesen, ich glaube das 5. Mal in diesem Jahr… und es war gut! Zwar war ich ein wenig skeptisch und wusste nichts mit mir anzufangen, aber ein leckerer Burger bei guter Musik mit den Jungs war schon was Feines.:) Noch spannender war die Erkenntnis über Reinigungsrituale. Ich wasche mich immer sehr hektisch, damit ich schnell wieder aus dem Bad rauskomme, in der Wanne halte ich es oft nicht länger als 10 Minuten aus… Gestern nicht. Gemütliches Plantschen ohne sofort Stress zu entwickeln, die Freude über das neue Regal, Ideen für die Fliesen… und ich habe Bodylotion ausprobiert! Man muss wissen, ich hasse es mich anzufassen, überhaupt irgendetwas anzufassen (außer meine Katzen und meine Tastatur). Das war ein interessantes Experiment, dieses Eincremen. Hat sich mir vorher auch nie erschlossen, warum Menschen das tun, weil man hinterher klebrig und glitschig ist… *würg* Aber ich vermute mal es geht um den Prozess selbst und darum hinterher gut zu riechen. Also nein, ich kann meinen Körper definitiv noch nicht annehmen und ekel mich vor mir selbst, aber die Lotion roch einfach gut und ich wollte es mal ausprobieren. Vielleicht finde ich darüber künftig einen Weg zu mir selbst bzw. einen Weg zur Akzeptanz meines Körpers.

Überhaupt versuche ich gerade viele Wege zu finden und wieder alles neu zu lernen, was mir in den letzten 2 Jahren immer mehr abhanden gekommen ist. Ich merke, dass eine Umdefinierung stattfindet, dass ich alles neu bewerten muss, jedes Denken, jedes Handeln, jeden Moment. Das führte auch zu der kuriosen Situation, dass ich meinen Freund anschaute und befangirlte, als wäre ich wieder ein Teenie. Es war wunderschön und ich glaube auch nach bald 4 Jahren habe ich mich wieder neu verliebt und weiß, dass er einfach der richtige Partner für mich ist, auch wenn wir ein Chaosgespann sind und nicht alles immer rund läuft, wahlweise sogar fatal eskaliert. xD Ich liebe ihn einfach mit allen Ecken und Kanten, aber auch allen Rundungen.❤

Ich bin noch lange nicht voll wieder da und einsatzfähig. Dieser Prozess braucht sehr viel Zeit und muss Stück für Stück ausgefochten werden. Ein wenig Angst sitzt mir im Nacken, dass bei jedem positiven Moment eine ganze Meute nach mir greift und mich zuschüttet mit „Yuri hier…“ und „Yuri da…“, an der Stelle muss ich das Nein noch neu lernen, weil auch wenn mich schnell der Enthusiasmus packt, überlaste ich mich eben auch genau so schnell ohne es rechtzeitig zu merken. Dafür habe ich aber nun viel hinter mir gelassen. Keine Selbstverletzung oder Suizidversuche, keine Mutlosigkeit mehr. Ja, ich bin mutiger geworden und traue mich wieder etwas zu tun, bin stärker geworden durch die Konfrontation und bin mir über meine Baustellen immer mehr im Klaren. Jetzt habe ich die Möglichkeit anzupacken und nicht mehr ums Überleben zu kämpfen, sondern ums Leben. Bedeutet natürlich nicht, dass ich nicht in 5 Minuten wieder heulend, fluchend oder „weg“ in der Ecke sitzen kann, aber so langsam stoße ich diese Reaktionen nicht mehr ab, sondern nehme sie an als Teil von mir, um den ich mich kümmern muss. Der Weg ist noch weit und die Steine sind groß und zahlreich, aber sie sind nun kein Hindernis mehr, sondern nur noch eine Herausforderung. Eine Herausforderung die ich alleine, aber auch mit ein paar Händen bewältigen kann.

Danke an meine Freunde, an meine Familie, an alle Bekannten und Unbekannten, die mir bisher in meiner beinahe schwersten Zeit ein wenig über den Berg geholfen haben, mir zugehört und zugesprochen haben. Ich hoffe ihr habt noch ein wenig Kraft übrig, um mich weiter zu begleiten, aber selbst wenn nicht: Ab hier schaff ich es auch bestimmt wieder alleine.:)